Verspielt

„Was schaut der Rich denn immer so blöd auf die Uhr?“, fragte ich mich – leicht aggressiv, wie immer wenn ich nervös war. Helli wirbelte mit seinen Schlagstöcken. Es roch nach Bier und Rauch. Manche hätten gesagt, es stinkt. Aber ich mochte das. Es hatte etwas Vertrautes.

Helli fragte: „Rich, wie spät ist es?“
„Fünf vor neun. In ein paar Minuten fangen wir an.“

Ich warf einen Blick durch den Spalt zwischen den Vorhängen über die Bühne auf das Publikum und setzte mich dann wieder auf meinen Hocker. Da waren ganz schön viele Leute. So viele waren noch nie im Peers. Zumindest nicht, wenn wir spielten. Damals bei Tocotronic, da war die Hölle los. Kein Wurm hätte mehr auf die kleine Tanzfläche gepasst. Und als Dirk bei der dritten Zugabe etwas heiser „Freiburg“ sang, da waren alle Dopamin-geschwängert und tropfend nass.

Aber wenn wir hier einmal im Quartal spielten, tauchte sonst niemand auf, der nicht sowieso jedes Wochenende zum Biertrinken kam. Wir waren die Lückenfüller, wenn der Besitzer sonst niemanden auftreiben konnte. Immer dankbar, wenn wir überhaupt irgendwo für ein paar Euro spielen konnten – auch wenn uns eigentlich niemand sehen wollte. Und dann fing Rich im vergangenen Monat eine Beziehung mit Heidi an, diesem B-Promi-Modell. Die Lokalzeitungen waren voll davon. Und sie waren voll mit der Band. Plötzlich hatte sogar Kurt die Idee, Plakate für den Auftritt drucken zu lassen. Kurt war „unser Manager“. Zumindest nannten wir ihn so, aber in Wirklichkeit war er nur ein Freund der BWL studierte. Und da er eh nichts anderes für seine „Arbeit“ wollte, als eine Flasche Wein für jeden von ihm vermittelten Auftritt, hatten wir nichts zu verlieren. Bis zu diesem Auftritt hatte Kurt nun schon zwei Flaschen verdient. Gerade genug für einen Vollrausch.

„Glaubt ihr, es ist klug, wenn wir heute das neue Lied bringen?“, fragte ich.
„Schwitz nicht, du packst das schon“, sagte Rich.
„Und wenn nicht, zahlst uns halt ein Bier“, sagte Helli.
„Ja, eh“, sagte ich.

Ich war mir aber nicht so sicher. Bei den Proben hatte ich das Solo in zwei von drei Fällen verhunzt. Und dass ich jetzt auch schon wieder zwei Bier intus hatte, das war auch mäßig hilfreich. Wir alle konnten das Lied noch nicht perfekt, aber Rich meinte, dass wir es an diesem Abend brauchen würden. „Der Auftritt ist unsere große Chance“, hatte er uns in der Garage seines Vaters versichert, als ihm Kurt in der Vorwoche per Handy vom guten Vorverkauf erzählte. Vorverkauf! So etwas kannten wir bis dahin noch nicht einmal.

„Das wird unser erster Hit“, meinte Rich über das Lied. Aber wenn die Leute ihn heute nicht zu hören bekämen, dann würden die meisten ihn wahrscheinlich nie hören, erklärte er.

Rich dachte immer weiter als wir zwei anderen. Er war derjenige von uns, der am Dringendsten als Hauptact bei einem großen Festival spielen wollte. Manchmal, wenn wir bekifft auf meinem Sofa saßen, sprach er von nichts anderem. Helli und ich hörten ihm dann einfach nur zu. Wir hatten natürlich nichts gegen die Idee. Aber uns war es egal, ob wir es auf das Plakat eines Festivals schaffen würden. Einmal an eben einem solchen Tag sprang Rich vom Sofa, kletterte auf den Tisch, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und brüllte wankend das erste Lied, das wir gemeinsam geschrieben hatten. Bei der zweiten Strophe verlor er das Gleichgewicht und fiel nach vorn. Es schmiss ihn vom Tisch und er brach sich den kleinen Finger. Helli und ich lachten. Rich schrie. Daraus machte er danach unseren nächsten Song, einen mit viel Krach und Geschrei.

„Es ist neun. Lassen wir sie noch drei Minuten warten“, zwinkerte Rich, „dann steigt die Vorfreude.“

Helli nahm einen Schluck Bier aus der Flasche. Ich nickte leicht und betrachtete meine neue Gitarre, die ich mir für diesen Gig angeschafft hatte. Ihr fehlte noch die abgenutzte Schönheit. Meine alte war zwar billig, aber sie hatte mir drei Jahre treu zur Seite gestanden. Bei solchen Dingen bin ich sentimental.

Ich übte noch einmal das Solo.
„Verdammt“, murmelte ich.

Rich gab mir einen mahnenden Blick. Er sagte es nicht, aber ich wusste, dass er mit mir zwei Wochen nicht sprechen würde, wenn ich an diesem Abend Mist baute. Er war nervöser als sonst. Helli auch. Aber beide wirkten im Vergleich zu mir cool wie ein Gletscherbach. Sie spielten einfach schon länger in Bands als ich. Für mich war das erst der ungefähr zehnte Auftritt. Eigentlich hatte ich auch nie vor in einer Band zu spielen, aber es hatte sich eben so ergeben. Zwei Jahre vorher kam ich zum Studieren in die Stadt und kannte kein Schwein. Als an einem langweiligen Abend die Internetverbindung ausfiel, setzte ich mich mit meiner Gitarre in einem Park ins Gras und klimperte einige Zeit vor mich hin. Irgendwann kamen dann zwei Kerle vorbei. Sie waren betrunken. Aber auf eine gute Weise. Der Größere mit den langen Haaren forderte mich auf Stairway to Heaven zu spielen, der etwas kleinere mit der Beatles-Frisur grölte selbst dazu. Dann setzten sie sich zu mir, ich bot ihnen ein Bier an und wir redeten bis tief in die Nacht. Der Größere war Helli, der Kleinere Rich. Als ihnen drei Wochen später der Gitarrist ihrer damaligen Band abhanden kam, fragten sie, ob ich es mal versuchen möchte.

„Jetzt gehen wir raus“, drängte Rich.

Ich schnappte mir meine Gitarre und hängte sie mir um den Hals. Wir schlüpften durch den Vorhang. Erst Helli, dann ich, am Ende Rich. Es gab Applaus. Das Licht blendete mich. Ich konnte erst nach einigen Augenblicken das Publikum erkennen. Das „Peers“ war tatsächlich ausverkauft. Natürlich nicht so ausverkauft wie bei Tocotronic, wo jeder Angestellte noch die Cousine zweiten Grades reinschmuggelte. Vorne an der Bar konnte ich Jenny erkennen und war davon nicht gerade begeistert. Sie hatte eine Woche zuvor mit mir „Schluss gemacht“. Bei Jenny bedeutete Schluss machen, dass sie eines Tages mit einem anderen in einem Pub gesehen wurde und du fortan nicht mehr mit ihr zusammen warst. „Scheiss auf sie“, flüsterte mir Rich zu. Aber die Aufmunterung war gar nicht nötig. Dass sie hier war, war zwar unangenehm, aber mein Schmerz hielt sich in Grenzen. Wir waren ja nur drei Wochen zusammen. Den armen Rich hingegen hatte sie nach zwei Jahren auf dieselbe Weise abserviert. Damals floss viel Bier in unserem kleinen Freundeskreis. Und es gab viele Flüche auf Frauen. Ich wäre also gewissermaßen gewarnt gewesen. Aber um auf meinen Verstand zu hören, fehlte mir was Helli in seiner hochgestochenen Art „sexuelle Disziplin“ nannte. Andere behaupteten, ich wäre einfach nur geil gewesen. Für Rich war das jedenfalls kein Problem. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Heidi kennen gelernt.

Ich dachte wieder an das Solo. Meine Hände waren feucht, als ich meine Gitarre abtastete. „Das muss hinhauen“, dachte ich. Ein wenig Zeit blieb noch. Wir hatten die Setlist so zusammengestellt, dass unser neuer „Hit“ als drittes Lied kommen würde. Da sei das Publikum schon eingespielt, aber noch nicht ganz so betrunken und einigermaßen aufnahmefähig, hatten wir uns überlegt. „Außerdem wäre der Abend nicht ganz verloren, wenn es nicht ankommt“, dachten ich und vermutlich auch Helli. Aber zu Rich hatte das bei jener Probe niemand gesagt. Jetzt stand ich allerdings hier. Die Scheinwerfer brannten von der Decke. Das Publikum … zum ersten Mal kannte ich nicht alle persönlich. Irgendwo stand dort angeblich ein Typ von einer Plattenfirma. Das war groß. Mir war heiß. Ich wurde panisch. Es war mir ganz und gar nicht mehr egal, ob ich irgendwann bei einem Festival spielen würde. Mein Herz schlug wie der Rhythmus eines Liedes bei Guitar Hero auf „schwer“. Nach dem ersten Song war ich in einer Art Trance. Wir hatten ihn bereits hunderte Male geübt.

Hätten wir das auch beim Dritten gemacht, hätte ich mich vielleicht nicht verspielt.

Erfolglos beim Kurzgeschichtenwettbewerb „FM4 Wortlaut“ eingereicht

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Kurzgeschichten

5 Antworten zu “Verspielt

  1. penelope

    einfach genial! Also ich mein, ich kenn die andern Texte net, aber den hier find ich echt gut, vorallem den letzten Satz, genial echt..

  2. oha, der erste kommentar. freut mich, dass es dir gefällt. :)

  3. Der Ingenieur

    Der Text gefällt mir. Ich bin zwar kein Literaturpabst (ich verstehe von Literaturkritik etwa so viel wie meine Omma vom Tunnelbau) aber meine Stimme haettest du bei FM4 gehabt. Du baust eine schöne Spannung in deinem Text auf, beziehst den Leser von Beginn weg in dein persönliches Umfeld ein, verräts aber immer nur so viel, wie er wissen muss. Und – der letzte Satz ist wirklich Spitze.
    Ganz ehrlich – dein Text gefällt mir besser als das Schlafzimmergeschwafel des Siegertextes.

  4. Joe B.

    Kommt ja halbwegs interessant rüber, aber der Lesefluss wird durch dunkel bleibende Punkte gebremst.

    Bei ‚wirbelte mit seinen Schlagstöcken‘, weiß man noch nicht, in welchem Milieu sich die Szene abspielt; die erste Assoziation ist nicht ‚Schlagzeug‘, sondern ‚Schlagwerkzeug‘. Hättste nicht im Traum dran gedacht, wie man aber erst viel später merkt ;-)

    Grübeln muss man auch da: ‚Ihr fehlte noch die abgenutzte Schönheit. Meine alte war zwar billig, aber sie hatte mir drei Jahre treu zur Seite gestanden. Bei solchen Dingen bin ich sentimental.‘ Warum hast Du dann nicht die alte Gitarre genommen?

    Dann die Rückblende in die Bandgeschichte, unmittelbar gefolgt von einer Rückblende in Beziehungskram: danach hat man den Eindruck, dass drei Wochen eine kurze Zeit sind; aber das gilt für den Beziehungs-Stress, nicht fürs Lampenfieber. Dass Deine Ex im Publikum ist, lenkt so vom Wesentlichen ab.

    Unklar auch, was Du mit dieser Satzfolge sagen willst: ‚Aber zu Rich hatte das bei jener Probe niemand gesagt.‘ Fragt sich also, welchen Unterschied das gemacht hätte. Hätte es ihn beruhigt? Das deckst Du nicht auf; stattdessen kommt: ‚Jetzt stand ich allerdings hier.‘ Also ist eh nicht wichtig, was zu Rich gesagt wurde. Denn Du bist beruhigt für zwei. Bis Du panisch wirst.

    Bei der Schlusspointe sollte die Phantasie zu spielen beginnen, was nun verspielt ist, wenn Du Dich verspielst, – an sich gut gesetzt, aber die ebenfalls an sich gelungene Zuspitzung der Situation, die Dringlichkeit des Gelingens dieses Gigs, konzentriert sich auf Rich, der zu diesem Zeitpunkt schon zu weit in den Hintergrund getreten ist. Irgendwie wäre da entweder eine Verschiebung in der Reihenfolge nötig oder ein Kniff, mit dem Rich bis zum Schluss präsent bleibt. Vielleicht fällt Dir da was ein.

    Dranbleiben ;-)

  5. danke schön, sehr hilfreich. :)

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